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 Das ist etwas, was mich irritiert ... Für mich sieht dieser Krieg
aus wie vor 100 Jahren. Es sieht nicht nach einem modernen
Krieg aus.
Die Russen benutzen immer noch dieselbe Taktik wie im zweiten und ersten Weltkrieg oder auch zur der Zeit der Zaren, nämlich Krieg führen mit einer großen Anzahl von Menschen. Denn es ist ihnen egal, wie viele Opfer sie selber haben. Sie schicken viele Soldaten mit mas- siver Artillerie. Wenn man also auf der defensiven Seite steht, in die- sem Fall auf Seite der Ukrainer, so muss man in der Lage sein, wie eine Guerilla zu agieren, zum Schutz der eigenen Soldaten.
Als ganz normaler Bürger in Deutschland macht man sich Gedanken, ob es Gespräche gibt, Abmachungen zu treffen, Möglichkeiten, die die Kampfvorgänge beenden.
Nun ja, ich glaube, es gibt häufig Ansätze. Menschen machen Vor- schläge, wie man das Problem lösen könnte. Aber derzeit sehe ich keine friedliche Lösung, da die Interessen von Putin grundsätzlich andere sind. Außerdem nehmen die Russen natürlich wahr, wenn die Unterstützung in Europa bröckelt, oder wenn sie unser eigenes Chaos in den USA betrachten.
Und die Ukrainer haben keinerlei Vertrauen, dass sich Russland jemals an ein Abkommen halten wird. Sie glauben, dass sie nicht sicher sind, bevor sie Russland nicht besiegt und komplett aus der Ukraine vertrieben haben. Daher sehe ich wirklich keine Aussichten für echte Verhandlungen. Aber ich kann natürlich falsch liegen.
Amerika hatte immer eine Menge Probleme mit Kriegen,
die sehr lange dauern. Was ist also das Ziel?
Wenn wir es nicht schaffen, das Ziel klar zu definieren, enden wir normalerweise in einem langen Krieg, der schlecht endet. In Vietnam hatten wir nie ein klares Ziel. Ebenso hatten wir kein klares Ziel in Afghanistan. Auch Joe Biden hat, der in so vielen Bereichen gute Ar- beit leistet, das Ziel nicht klar benannt für das, was wir tun, um der Ukraine zu helfen. Wenn man also kein klares Ziel hat, ist es schwie- rig, eine gute Politik zu entwickeln. Und ich mache mir Sorgen, dass wir uns in der gleichen Situation befinden.
Was ist aus Deiner Sicht der Hauptgrund dafür, dass die Welt momentan im Ungleichgewicht ist? Ist die Kommunikation und das Verständnis der Staaten untereinander komplizierter geworden durch ihre eigenen kulturellen Ausprägungen?
Haben die Soldaten in der westlichen Welt beispielsweise auch
in Deutschland dieselbe Begeisterungsfähigkeit und Mission?
Ich glaube, eines der größten Probleme, die wir haben, ist die Anfäl- ligkeit unserer Gesellschaften für Desinformation. Gleichzeitig haben Menschen kein Vertrauen in die Regierungen. Sie vertrauen den Ins- titutionen nicht mehr. In den Vereinigten Staaten haben wir extremis- tische Kräfte, wie auch in Deutschland, Großbritannien und anderen Ländern. Natürlich gießen die Russen, die Chinesen und andere Ben- zin in dieses Feuer, um das Chaos und den Mangel an Einigkeit inner- halb unserer Länder zu schüren. Eine starke widerstandsfähige Gesell- schaft, die in der Lage ist, die Institutionen zu schützen und ihnen zu vertrauen, die für eine starke liberale demokratische Gesellschaft not- wendig sind, sind eine wichtige Basis. Auf der anderen Seite sind wir faul geworden! Ich meine, die Menschen haben den Frieden so lange als selbstverständlich angesehen, dass Sie überzeugt waren, dass es im- mer so weitergeht.
Sie waren sicher, dass sie in der Lage sind, ihren Sommerurlaub auf Mallorca und die Skiferien in Österreich oder der Schweiz zu ver- bringen. Daran haben sich alle gewöhnt. Man glaubte, man müsse kein Geld für die Verteidigung ausgeben. Und so sind wir jetzt in einer prekären Situation. Aber da ich in Frankfurt lebe, habe ich im Hinter- kopf, dass die Deutschen zum ersten Mal in ihrer Geschichte Verbün- dete haben. Es gibt ausschließlich befreundete Länder an jeder Gren- ze. Dazu das billige Gas aus Russland, so waren die Deutschen bereit, träge zu werden und sich in eine schlimme Situation zu bringen, in der die Russen ziemlich sicher waren, dass Deutschland nichts tun würde, um der Ukraine zu helfen. Genau das ist es, was zur Aggression einlädt, wenn wir nicht klar über Bedrohung nachdenken.




















































































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