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 Man kann es nicht fassen.
Die unspektakulären Gebäude tragen exzentrisches Rosa.
Wie die Supermodels auf dem Laufsteg verfügt jedes von ihnen über eine einzigartige Persönlichkeit. Die Gewänder sind dem Naturell der jeweiligen Metropole auf den Leib geschnitten.
Paris zeigt sich gewohnt mondän, Tokio eher pompös, Rom setzt auf Retro-Glamour und
New York prahlt mit atemberaubender Extravaganz.
Dabei ist nichts, wie es scheint. Wer die „Take over“ Serie von Andrés Reisinger in den sozialen Netzwerken an sich vorbeirauschen sieht, muss unweigerlich zwei Mal hinsehen. Es handelt sich bei den surrealen Installationen um digitale Kunst. Ein hybrider Traum, der das Publikum in ein wunderbar sinnliches Er- lebnis verwickelt. Verhüllungskunst erreicht eine ganz neue Dimension. Fast nebenbei stillt sie das aktuelle Verlangen nach Wärme, Intimität und Zufluchtsorten. Auf jedem der
„Take Over“-Bilder verwandeln sich einfache Steinfassaden in wogende rosa Texturen, mal flauschig, mal dekadent, aber immer feminin. Die fließenden Stoffbahnen sind der perfekte Gegenspieler zur brutalen Realität des grauen Alltags.
Zuerst wirft er Manhattan in Garderobe, dann den ganzen Planeten. Dabei nimmt der in Argentinien geborene und in Barcelona lebende Digital-Designer bei seinem viral ge- henden, AI-Driven Projekt den Betrachter mit auf eine verlockende Reise zwischen Realität und Imagination und wirft am Ende immer die Frage auf, was ist eigentlich real? Er selbst glaubt, alles, was eine Erfahrung aus- macht, ob digital oder real, spielt keine Rolle mehr.
Das Publikum liebt seine schrägen Fantasie- Kulissen. Eskapismus ist gefragt in Zeiten wie diesen. Als einer der bedeutendsten 3-D- Künstler der Gegenwart widmet er sich in- zwischen vollkommen der Verschmelzung
von physischer und digitaler Welt – immer mit dem Ziel, eine wohltuende, hybride Rea- lität zu entwerfen. Eine wirklich unwirkliche Kulisse.
Wie entstanden diese surrealen Installationen?
„Kreativität ist ein intuitiver Prozess, etwas, das man eher fühlt als plant. Ich brauche dazu einen Mix aus diversen Aktivitäten: Viel Lesen, um den Geist anzuregen, genügend Selbstbeobachtung, um emotionale Untertöne zu erfassen, und natürlich das Spielen, um Unbewusstes zu offenbaren. Dieser Tanz zwischen Strategie und Intuition ist der Kern meines kreativen Prozesses.“ so Reisinger.
  Andrés Reisinger, Take Over Paris, 2023 Andrés Reisinger, Take Over New York, 2023
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